![]() |
|
|
Interview mit Rea, geführt von Arezu Weitholz vom 1.8.03
Ihr spielt gerade eine ausgedehnte Clubtour durch irische Pubs in Deutschland. Wie ist es bisher gelaufen? Prima. Es macht mächtigen Spass. Nicht nur die Fans, auch die Band hat diese Tour gebraucht. Wie meinst Du das? Als "Beautiful Sky" fertig war, wollten wir die Lieder des Albums so spielen wie sie entstanden waren: unmittelbar, im kleinen Kreis. Nicht nur, um sie zu testen, auch um zu spielen, im wahren Wortsinn, aus Spass an den Songs. Wir hatten allerdings nicht viel Platz. Auf der Bühne, im Bus, in den winzigen Umkleidekabinen. Wer sich ständig so dicht auf der Pelle hockt, wird irgendwann über-sensibel. Anfangs gab es daher kurz einen Moment, an dem alles zu explodieren drohte. Der verging, wir entspannten uns, und was ich an unseren Auftritten inzwischen so liebe ist diese gelassene Einfachheit, die wir ja eingangs live finden wollten. Wir gehen raus, und wir spielen. Viele Leute singen "Alright" mit, ohne das Lied vorher gekannt zu haben. Wie erklärst Du Dir das? Es ist supereinfach. Vielleicht ist "Alright" auch ein Wort, das viele gerne singen, weil es sie daran erinnert, dass nicht alles Mist ist. Wie ein Mantra? Wie etwas, das man immer und immer wiederholt. Ja. Aber ich weiss auch, wir werden dafür kritisiert werden. Warum? Was ist gegen "Alright" einzuwenden? Ich kann mir vorstellen, dass es manche Leute unangemessen finden "Alright" zu singen, wenn momentan so viel eben nicht "alright" ist. Doch genau deswegen ist es ja entstanden. Das erkläre bitte. Als ich es schrieb, sprach alle Welt vom Krieg in Afghanistan. Von einer Weltwirtschaftskrise. Von der Bedrohung durch Terrorismus. Diese Lebensenergie deprimierte mich. Ist "Alright" dann ein Anti-Kriegs Lied? Nein. Es ist kein Lied gegen etwas. Es ist ein Lied für etwas. Für Solidarität. Für Loyalität. Hoffnung. Freundschaft. Es gibt eine Zeile, die mag ich besonders: "Wipe those tears aways from your eyes, just take my hand you don't have to cry." Ich bin nicht gegen Weinen, überhaupt nicht. Doch ich liebe den Gedanken, dass es jemanden geben kann, dem man so sehr vertraut, dass man aufhören kann zu weinen. "Alright" ist die Vorstellung, dass jemand bei Dir ist und sagt: "Was auch immer Du getan hast; egal, wie schwer Dein Kummer wiegt; wie sehr er Dich quält - Du bist nicht allein." Du singst: "I make you feel like you belong." Wozu soll man gehören? Ich meine damit: "Du hast Deine Regeln, Deine Werte, und das ist vielleicht nicht, was alle wollen, aber dennoch gehörst Du zur Welt, hast Deinen Platz darin." "Alright" heisst Solidarität. Auch mit Leuten, die man nicht kennt? Ja klar. Ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, dass ein Mensch einen Unterschied machen kann. Das schlimmste Gefühl ist, wenn Du tief in der Scheisse steckst und dann auch noch der einzige bist, der das weiss. Als ich zuerst nach Deutschland kam, lebte ich allein, war einsam, hatte kaum Geld, aber habe immer aufgepasst, dass die Telefonrechnung bezahlt war, um mit jemandem sprechen zu können. Das ist es, was "Alright" ist. Die Fähigkeit, durch Liebe und Verstehen jemandem zu helfen. Du sagst: "Sometimes the words are not enough" - also reichen Worte nicht immer? Weil es Situationen gibt, in denen man handeln muss. Als wir nach Minsk fuhren, um ein Krankenhaus für krebskranke Kinder zu besuchen, wollte ich erst gar nicht hinfahren, denn ich ahnte, was auf uns zukommt. Die Worte, die uns dahin trugen, lauteten: "Kinder in Not" - das Motto unserer Stiftung. Als wir schlussendlich da waren, bedeuteten diese Worte etwas anderes, und zwar "sehen, wie Kinder sterben." Durch dieses "vor Ort sein" lernte ich eine Menge über das Leben. Ich sah, welchen Unterschied ein Wort und die Erfüllung des Wortes mit Sinn macht. Es ist so leicht darüber zu sprechen, wie man die Welt retten will, doch es ist um einiges schwerer, wenn man sich dem ausliefert, womit man es in dieser Welt zu tun hat. Entstehen alle Lieder so, dass Du etwas erlebst? Nein. Oft schreibe ich Lieder, die zuvor eine Zwiesprache in meinem Kopf waren. Ich bin der, der spricht, aber auch immer der, der zuhört. "Alright" ist etwa genau das, was ich hören möchte, wenn ich mal down bin. Vor Eurem ersten Hit "Supergirl" und dem Album "Tuesday" hattest Du Jahre lang nicht nur kein Geld, Du warst im Ausland, weit weg von zu Hause, unter Fremden. Warum hast Du immer weitergemacht? Was hat Dich angetrieben? Ich glaubte nie, dass mir als Mensch etwas Besonderes vorherbestimmt wäre. Ich würde auch nicht behaupten, dass ich als Musiker sehr an mich glaubte. Aber ich bin stur. Ich kann es nicht ertragen, eine Sache unfertig aufzugeben. Wenn ich etwas sein lasse, möchte ich sagen können: "Ich habe alles versucht, und es hat nicht geklappt." Hast Du nie versagt? Versagen ist ein Wort, das vermutlich andere Leute öfter für einen gebrauchen als man selbst. Wenn man sein Herz in eine Sache legt, kann man nicht wirklich versagen. Dinge können schiefgehen, sicher, aber man weiss wenigstens, man war mit vollem Herzen dabei. Früher war das bei mir so: Ich war in einer Band, wir tourten durch Deutschland, ich spielte Musik, die ich nicht mochte und war unglücklich. Heute bin ich in einer Band, toure durch Deutschland, spiele Musik, die ich liebe, und ich bin glücklich, weil ich weiss, ich gebe hundert Prozent. Das klingt, als wäre die Sache mit dem Glück etwas, das einem passiert, wenn man sich nur richtig Mühe gibt. Sein Glück kann man nicht planen oder zwingen. Aber man kann sich treu bleiben. Ich beobachte oft, wie manche Menschen das Leben nur noch aus der Perspektive ihrer Arbeit betrachten. Sie existieren ausschliesslich im Arbeitsalltag und haben keinen Raum, keine Zeit mehr, um das Dasein auch zu geniessen oder sich einfach nur zu freuen, dass sie sind. Das ist schade. Was würdest Du den Leuten denn raten? Ich würde mich nie hinstellen und jemandem sagen, wie er sein Leben leben soll, wie er es ändern kann. Das weiss ich nicht, und das steht mir auch nicht zu. Was ich aber sage, ist: Wenn ihr etwas ändern wollt, dann könnt ihr es. Jeder verfügt über diese Kraft. Wenn man sich einmal von dem grossen Bild abwendet, das einem ständig im Fernsehen serviert wird und diese riesengrosse Welt mit der kleinen vertauscht, in der wir leben, atmen, arbeiten, schlafen, sprechen, essen, sieht vieles plötzlich anders aus. In dieser kleinen Welt, in der Freunde, Nachbarn, Kollegen leben, da lebt auch der Mensch. Dort verfügt er über Stärken. Dort trifft er andere. Kann bewirken, lachen, bewegen. Und was, wenn es den anderen genau so schlecht geht? Ich weiss nicht, wie man die Welt verbessert. Ich weiss auch, dass man uns eventuell dafür kritisiert, so ein Lied zu singen, in dem es andauernd "alright" heisst. Aber ich weiss, wie es ist, wenn man abhängig ist, und was dann mit einem geschieht. Ich war 5 Jahre arbeitslos und von einem System abhängig, das mir weder geholfen noch gutgetan hat. Ich erinnere noch wie ich mich plötzlich in der Schlange beim Arbeitsamt wiederfand und dachte: "Was mache ich hier? Wie bin ich hierhergekommen? Was ist schiefgelaufen?" Abhängigsein zieht Menschen runter. Mein Leben änderte sich erst in dem Moment, als ich es in die Hand nahm und begann an meine Zukunft zu glauben. Politiker glauben nicht an Menschen. Die glauben an Systeme und Zahlen. Menschen glauben an Menschen. Sie brauchen mehr als nur ein Kissen, auf das sie ihren Kopf legen können. Menschen brauchen Perspektive. Sie brauchen einen Grund, um aufstehen zu wollen. Ist die Lage in Irland anders als in Deutschland? Als ich Irland verliess, gab es eine sehr hohe Arbeitslosigkeit. Damals wurde gerade ein Modell eingeführt, das hiess: "Back to work system", um den Leuten helfen, sich selber zu helfen. Die Unterstützung wurde erst voll, dann nur noch prozentual ausgezahlt, jedoch nicht gekürzt. Man sagte: "Okay, hier ist Dein Restgeld, wir heben es für Dich auf, Du gehst arbeiten." Die Leute konnten sich neu positionieren, ohne Angst, denn im Notfall lag da ja das Geld. Das funktionierte. Als ich 4 Jahre später zurückkehrte, sah ich Wachstum. Das setzt Eigeninitiative voraus. Die Leute wollen ja arbeiten. Sie wollen das bessere Leben. Und das bessere Leben sind nicht: Auto, Haus, Frau. Es beinhaltet auch Respekt. Der wird ihnen aber abgesprochen, wenn man sagt: "Du bist einer von 4, 6 Millionen, Du bist Nummer soundsoviel, und Du bist ein Problem. Was hälst Du von den Reformvorschlägen der Bundesregierung? Ich kenne nicht alle im Detail. Grundsätzlich denke ich, es geht nicht an, dass man noch mehr Gesetze und Verordnungen erfindet. Es darum für den Einzelnen zu kämpfen. Es jemandem wieder möglich zu machen, sich aus eigener Kraft auf die Beine zu helfen. Wie auch Entwicklungshilfe funktioniert. Was mich an den Diskussionen momentan stört, ist, dass ständig über so und so viel Millionen Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, Rentner gesprochen wird. Sätze wie: "Experten meinen, es gäbe im Winter bis zu 5 Millionen Arbeitslose"? Ja. Wie klingt das denn? Hinter diesen Zahlen stecken doch Menschen. Der Mensch ist ein Individuum und kein Unkostenfaktor. Es ist aber leider oft so: Wenn es den Leuten schlecht geht, wird erst verallgemeinert und dann denken viele, bald kommt einer und erzählt allen, wie es weitergehen soll. Doch das wird nicht passieren. Es wäre auch falsch. Weil der einzelne für sich denken muss, und nicht einer für alle. Wo siehst Du die grössten Chancen für positive Veränderung? Wenn man will, dass es Innovationen gibt, erreicht man das nicht, indem man noch mehr Regeln und Beschränkungen erfindet, die es den Menschen immer schwerer machen, frei zu schaffen. Zu Probieren. Zu spinnen. Irgendein Beispiel? In keinem Fall sollte man im Sektor Ausbildung Gelder kürzen. Damit meine ich nicht nur Schulen und Universitäten. Auch Kindergärten und Ausbildungsplätze. Einen Beruf zu haben, bedeutet doch so viel mehr als bloss ein Zeugnis zu haben mit dem man sich bewerben kann. Es heisst Qualifikation. Es heisst, man hat etwas erlernt. So kann man den Menschen helfen sich wieder eine Wahlmöglichkeit zu erarbeiten. An der Ausbildung zu sparen, treibt das Wesen einer Gesellschaft langfristig in den Ruin. Wenn ich mich für unsere Stiftung "Saving an Angel" einsetze, investiere im Grunde genommen nicht direkt in mich, aber indirekt in meine Zukunft. Wie meinst Du das? Wir kümmern uns um Kinder in Not. Das ist die nächste Generation Diese Kids werden die Welt beeinflussen, in der ich lebe, wenn ich alt bin. Und ich möchte, dass sie wissen, sie werden als positive lebensbejahende Menschen gebraucht. Nicht nur von mir, von uns allen. Findest Du als Ire eigentlich, dass die Deutschen zuviel jammern? Wenn ich nach längerer Zeit nach Irland zurückkehre, fallen mir sofort lauter Sachen auf, die mir an den Iren schon immer auf den Keks gegangen sind. Das sind natürlich alles mehr oder weniger sinnlose Verallgemeinerungen. "Das Verhalten der Leute in einem Land" - das gibt es wohl nirgendwo. Jeder ist anders. Was mir allerdings an Deutschland zum Thema Jammern auffiel, war: Als ich zum ersten Mal nach Deutschland kam, war ich überzeugt, die Deutschen sind das am organisiertesten, das effizienteste Volk der Welt. Doch ich traf lauter Menschen, die das anders sahen. Ich fragte oft: "Wieso denkt ihr das nie über Euch? Woher kommen Eure Selbstzweifel, das Fehlen von Stolz?" Inwieweit findest Du, Deutsche sollen stolz sein? Ich meine nicht übersteigerten Stolz. Ich meine einen entspannten Stolz, eine Art selbstverständliche Liebe, Zugehörigkeit. Das ist doch wie beim Fussball. Wenn die Mannschaft unserer Stadt spielt, bin ich für die. In der Kreisliga für meinen Kreis. Bei der Weltmeisterschaft für Irland. Ich würde nie durch die Gegend laufen und sagen: "Ich bin stolz ein Ire zu sein, alle anderen sollen zum Teufel gehen." Glaubst Du, Deutschland hat keine Identität? Neulich waren wir in einer Stadt, die Senftenberg hiess. Ich fragte: "Was habt ihr hier, das es irgendwo anders in Deutschland gibt?" Die Leute kannten kein einziges Ding. Wir suchten, aber es gab weder Senftenberger Bier noch Senftenberger Würstchen. Schlussendlich fanden wir den Senftenberger FC. So etwas finde ich wahnsinnig schade, denn ich liebe Identität. Was genau meinst Du mit Identität? Es gibt einen grossen Unterschied zwischen nationaler und kultureller Identität. Ich bevorzuge die kulturelle. Wenn mir in Bayern ein Bayer in Lederhosen begegnet, finde ich das klasse. Sowas freut mich. Hätte "Alright" in Irland die gleiche Bedeutung wie in Deutschland? Egal, wo ich bin: wenn ich ein Lied schreibe, kommen Bilder in meinen Kopf. Bei "Alright" war es das perfekte Bild. Wie sieht das perfekte Bild aus? Meine Eltern, meine Frau, meiner Familie, alle zusammen in einem Zimmer, meinem Zimmer, und ich bin da auch. |